Diagnose: „Skoliose“- Was nun?
Stellt der Orthopäde bei Ihrem Kind eine Skoliose fest, so bedeutet es, dass die Wirbelsäule in sich verdreht und seitwärts verkrümmt ist. Ausschlaggebend für die „Schwere“ der Verkrümmung ist die gemessene Gradzahl (nach Cobb), die sich vom Röntgenbild ableiten lässt.
Bitten Sie den Arzt, Ihnen die Röntgenbilder mitzugeben, damit Sie sie dem Krankengymnasten zeigen können. Verlangen Sie schon beim ersten Röntgen einen Röntgenpass (oder bei der Krankenkasse telefonisch bestellen, die Röntgentermine werden dann nachgetragen). Nur so behalten Sie den Überblick, wann und wo Ihr Kind geröntgt wurde.
Anschließend wird der Arzt Ihnen die mögliche Therapie vorschlagen.
Für die Therapie gibt es die folgende Faustregel:
• Weniger als 20° Regelmäßige Krankengymnastik.
• Mehr als 20°: Regelmäßige Krankengymnastik und ein Korsett.
• Mehr als 50°: Krankengymnastik und Korsett, bis das Kind ausgewachsen ist, dann eventuell eine stabilisierende Operation.
Der Umgang mit dem Kind
Es ist wichtig das Kind in die Diagnose mit einzubeziehen, so genau wie möglich zu erklären, was Skoliose bedeutet und vor allem keine Angst schüren, nach dem Motto: „Wenn Du nicht turnst oder das Korsett trägst, dann musst Du operiert werden!“ Es ist besser dem Kind Verantwortung für seinen Körper zu übertragen, es zu motivieren, für jede 5 Minuten Turnen zu loben, und die Arbeit mit dem Körper so gut wie möglich in den Tagesablauf einzuplanen. Das Wichtigste ist die Kontinuität der Übungen, damit der Körper ein Muskelkorsett aufbaut, das hindert die Skoliose an einer weiteren Verkrümmung.
Und das ist das Ziel der nächsten Jahre. Bis das Kind ausgewachsen ist sollte die Gradzahl so gering wie möglich gehalten werden.
Die „richtige“ Krankengymnastik
Ihr Kind sollte von Anfang an wissen, dass die Übungen sehr wichtig sind und gewissenhaft durchgeführt werden müssen.
In den Gelben Seiten oder bei dem Skoliose-Kindernetzwerk gibt es eine Liste von Krankengymnastikpraxen. Aber wie finden Sie die „Richtige“? Nehmen Sie sich Zeit und rufen Sie die Praxen an (viele arbeiten mit Anrufbeantwortern, nur keine Scheu, hinterlassen Sie ihre Nummer, die werden sich schon melden). Fragen Sie nach Erfahrungen mit Skoliosepatienten, vielleicht gibt es ja jemanden in der Praxis, der schon andere Kinder behandelt und sich gut auskennt. Die häufigsten Therapien sind Bobath und Voijta (für Kleinkinder), Schroth (für Kinder ab 6 Jahren) und E-Technik.
Ihr Kind muss aber in erster Linie mit dem Therapeuten arbeiten, wenn es den Krankengymnasten nicht mag und sich nicht wohlfühlt, suchen Sie nach Alternativen. Suchen Sie nach Möglichkeiten eine Praxis in Ihrer Nähe, damit Ihr Kind auch allein dorthin fahren kann.
Zur Sicherheit können Sie den Arzt fragen, welche Therapie er vorschlägt, aber häufig sagen die Orthopäden nur „Krankengymnastik“. Wenn möglich soll er die Therapieform und Diagnose so konkret wie möglich auf das Rezept schreiben, dem Krankengymnasten ist damit geholfen. Bitte nehmen Sie zur ersten Krankengymnastik-Sitzung die Röntgenbilder mit, damit sich der Therapeut einen umfassenden Eindruck verschaffen kann.
Das „richtige“ Maß
Zu Beginn ist es sicherlich sinnvoll 2 Mal die Woche zur Krankengymnastik zu gehen, die Übungen müssen kontrolliert und korrigiert werden. Aber bei älteren Kindern, die wirklich zu Hause turnen, ist zu überlegen, ob es nicht möglich ist 1 Mal die Woche eine Doppelbehandlung zu machen und dafür 2 Mal auf dem Rezept zu unterschreiben.
So besteht nicht nur der Leistungsdruck an den Rücken, „du musst turnen“, sondern nach ca. 30 Minuten besteht für den Therapeuten die Zeit auch mal den Rücken zu „loben“ ihn z.B. zu massieren.
Das ist etwas, was ich auch für zu Hause als ganz wichtig erachte. Streicheln Sie den Rücken des Kindes zeigen Sie ihm, dass es auch mit einer Verkrümmung in Ordnung ist.
Die „alternativen“ Therapien:
Oft heißt es ja „viel hilft viel“. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass häufig nur mehrere Therapien gemeinsam den gewünschten Erfolg gebracht haben. Dabei sollte man sich aber vor „Heilern“ schützen, die es nur auf das Geld abgesehen haben. Häufig haben schon Mitglieder aus der Gruppe Erfahrungen sammeln können, ein Austausch lohnt sich also immer.
• Akupunktur:
Sehr wirksam bei Schmerzen; die Krankenkasse übernimmt in der Regel die Kosten; besser ist es, bei der Krankenkasse vorher nachzufragen. Bei der Arztwahl danach fragen, wo die Ausbildung stattfand und wie viele Stunden der Arzt schon unterrichtet wurde. Viele bieten die Behandlung an, haben aber nur ein oberflächliches Wissen über die Akupunkturpunkte und die Therapie bringt dann meist sehr wenig.
• Dorn und Breuss:
Lockern, Massieren, Kneten der Muskulatur entlang der Wirbelsäule. Durch die Skoliose ist das gesamte Muskelkorsett asymmetrisch, eine gute Ergänzung zur Krankengymnastik.
• Feldenkrais:
Körperwahrnehmung durch Bewegungsabläufe. Einfach mal eine Probestunde machen. Vorsicht bei operierten, die neuen Bewegungsgrenzen erkennen und nicht darüber hinausgehen!
• Osteopathie:
Betrachtet den ganzen Menschen, gute Ergänzung zur Krankengymnastik. Keine Kostenübernahme von der Kasse, ca. 60 Euro pro Behandlung. Im Turnus von 3 Wochen, später werden die Behandlungsabstände größer.
• Vitametik:
Vitametik gibt pro Anwendung einen Impuls mit den Fingern auf die Halsmuskulatur. Das Ziel ist es die gesamte Muskulatur zur Entspannung zu führen. Der Körper gleicht in Folge, sofern er kann, alle statischen Veränderungen wieder an das von Natur aus vorgesehene Haltungsmuster an.
• Triggertherapie:
Spezielle Behandlung, manuell, oder mit einem Holzstäbchen, bei der die Triggerpunkte am Körper stimmuliert werden.
• Detensor-Matratze:
Besteht aus 3 Teilen, die die Wirbelsäule in entspanntem Zustand strecken und geradeziehen sollen. Beeinflusst nicht die Verdrehung einer Skoliose. Kosten ca. 450 Euro. Keine Kostenübernahme von der Kasse.
• Tempur-Matratze:
Gut bei Schmerzen und starker Skoliose. Schaft durch das weiche Material eine Entlastung und einen Ausgleich der Wirbelsäule. (Nicht für Bauchschläfer geeignet!!!) Gibt es auf Rezept bei präziser Indikation. (Dekubitus-Prophylaxe) Achtung, die Matratze ist nur ein Hilfsmittel, keine Therapieform!
• Magnetfeldmatratze:
Soll bei Schmerzen helfen. Auch bei Implantatträgern.
Was gibt es noch?
Sehr erfolgreich bei Jugendlichen ist eine Reha-Maßnahme in einer Schroth-Klinik.
Kur-Antrag für Bad Sobernheim oder Bad Salzungen bei der Krankenkasse, oder dem Rententräger stellen, der Arzt muss ihn dann nur noch ausfüllen. In der Reha besteht die Möglichkeit durch intensives Training innerhalb von 5 – 6 Wochen ein Muskelkorsett aufzubauen. Wartezeit in Bad Sobernheim 1 Jahr, in Bad Salzungen viel weniger, beide Kliniken arbeiten streng nach Schroth. Es empfiehlt sich die Kur die ersten 3 Jahre alle 12 Monate zu wiederholen. Der Schulunterricht kann dort weitergeführt werden. Der Aufenthalt fördert die Akzeptanz der Skoliose. Außerdem ist er gut für die Psyche der Kinder, sie fühlen sich nicht länger allein und ausgegrenzt. Ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Das lässt sich gut nachlesen in dem Gästebuch auf der Internetseite.
In den Kliniken ist eine Korsettversorgung möglich!
Beinlängendifferenz:
Vorsicht, häufig ist durch die Skoliose das Becken verdreht, die Beine sind aber gleich lang! (Genau informieren!!!)