Indikation OP
Wenn nach langen Jahren im Korsett und mit Krankengymnastik sich die Gradzahl von den „magischen“ 50° Cobb nicht wegbewegt, schlagen viele Kliniken und Orthopäden eine korrigierende Skoliose-Operation vor.
War die Diagnose „Skoliose“ schon schlimm, so war das erste Korsett mit Sicherheit ein Grund für die eine oder andere Träne, aber wie geht man mit einer drohenden Operation um????
Ich denke, man sollte sich und das Kind in Ruhe aufklären. Die Entscheidung für, oder gegen eine OP kann niemand von Ihnen erzwingen. Und einen plausiblen Grund nicht noch ein Jahr zu warten gibt es in den meisten Fällen auch nicht!
Vorab sind ein paar Dinge zu sagen:
Die Ärzte halten sich oft an Zahlen und Fakten aus ihren Fachbüchern – dass diese manchmal schon 20 Jahre alt sind und etwas überholt scheinen, möchte ich einfach so in den Raum stellen. Jedenfalls sollte der Arzt nicht einfach auf seine Tabelle schauen und feststellen, oh ja, die Gradzahl liegt über 50°, jetzt operieren wir, sondern ich hoffe, er sieht die ganze Krankengeschichte.
Wie hat sich die Skoliose in den letzten 6 Monaten verändert?
Steht das Kind im Lot und so weiter. Diese Überlegungen und viele Gespräche mit Betroffenen haben mich bewogen einen Fragebogen zu entwickeln, mit dem Eltern, oder auch junge Erwachsene gut vorbereitet zu den Ärzten gehen können und sich die nötigen Informationen holen können.
Frage und Hintergrund:
Wie alt ist das Kind? Das Kind sollte fast ausgewachsen sein (bei idiopathischen Skoliosen)
Wie viel Grad? Es gibt immer einen Messfehlerbereich von 5°: wie viel liegt das Ergebnis wirklich über 50°?
Wie viel Grad Progredienz in den letzten 6, 12 Monaten? Dabei ist zu beachten, hat das Kind schon das Korsett abgeschult, wenn nicht, kann man ca. 20° zu der gemessenen Verkrümmung hinzu rechnen. Ist die Wirbelsäule stark in die Skoliose gekippt, was war der Auslöser?
Steht das Kind im Lot? Bei einer ausgewogenen Skoliose (eine Krümmung oben, eine unten, beide ungefähr gleiche Gradzahl) ist eine Verschlechterung häufig unwahrscheinlich – auch ohne OP. Test dazu unter „was ist Skoliose?“
Wurde eine Knochendichtemessung gemacht? Wichtig für Menschen mit porösen Knochen, älteren Patienten mit Osteoporose, damit ein guter Halt der Implantate gewährleistet ist!
Gibt es Allergien auf Metall? Wird immer wieder von den Ärzten heruntergespielt, bei empfindlichen Menschen, mit bekannter Allergie ist dringend dazu zu raten!
Seit wann Menarche/Regel? Ist das Kind ausgewachsen? (Laut Röntgenbefund „Risser 5“?) Die Literatur sagt, dass 2 Jahre nach bekommen der Regel die Mädchen ausgewachsen sind. Auf dem Röntgenbild kann man an der Beckenkammfuge ebenfalls sehen, ob das Wachstum abgeschlossen ist.
Gibt es Nebenerkrankungen? (Herz, Lunge) Wichtig für den Anästhesisten und auch für den Operateur, bei ventralem Zugang.
Bestehen Schmerzen? Wo, welche Linderung danach? Welche Verbesserung verspricht eine Operation? Genau vom Arzt erklären lassen. Werden später die Schmerzen woanders wieder auftauchen, weiter unterhalb, oder oberhalb der versteiften Strecke?
Gibt es eine „Primärerkrankung“? (z.B. Marfan) Bei Marfan sieht die Therapie schon wieder ganz anders aus, durch die weichen Bänder und überdehnten Sehnen gibt es oft keine andere Möglichkeit als eine OP. Vorsicht bei Macomar-Patienten wegen der Blutgerinnung!!!
Wie viele Wirbel sollen versteift werden? Die Devise lautet so viele wie nötig, so wenig wie möglich. Jeder frei bewegliche Wirbel ist ein Stück Mobilität.
Welches Verfahren soll angewandt werden? (dorsal/ventral) (HZI/Harrington) Je nach Skoliosekrümmung und Höhe der Scheitelpunkte operieren die Ärzte von der Seite, oder vom Rücken aus.
Wird vorher eine „Extension“ (Halo) durchgeführt? Ist ein Patient schon älter, oder die Wirbelsäule bereits sehr starr in ihrer Funktion, muss sie vor der OP gelockert werden. Dies geschieht entweder über einen Halo-Ring, der an den Schädel fixier wird, oder eine OP, bei der die Bandscheiben ausgeräumt werden, damit mehr Beweglichkeit in die Wirbelsäule kommt.
Welche Rekonvaleszenzzeit muss eingeplant werden, bis wieder gearbeitet, zur Schule gegangen werden kann? Wann wieder arbeitsfähig? Mit den neuen OP-Methoden ist es möglich nach 2 Wochen die Klinik zu verlassen und sobald sich das Kind wieder besser fühlt, es zur Schule zu schicken.
Besteht nach der OP eine Reha-Maßnahme? Welche Verhaltensregeln kann ich schon vor der OP lernen? (Aufstehen, Bücken) Oft wird diese Frage nach einer Reha verneint, aber es hat sich gezeigt, dass eine konsequente Krankengymnastik, mit sanften isometrischen Spannungsübungen sich positiv auf die Genesung ausübt. Außerdem ermöglicht eine Reha auch ein viel entspannteres Kennen lernen des neuen Körpers und Körpergefühls.
Thema „flatback-Syndrom“ – was kann der Arzt dazu sagen? „Flatback“ ist ein Flachrücken, der häufig nach einer Harrington-OP entstand.
Bestehen auf einen Implantatpass nach der OP Zur eigenen Sicherheit nach der OP einen Implantatpass verlangen. Er gibt Gewissheit, welches Material verwendet wurde und ob später unbedenklich ein CT oder MRT gemacht werden darf.
Muss nach der OP ein Korsett getragen werden? Bei den neuen Operationsverfahren ist eine anschließende Zeit im Korsett fast immer überflüssig!
Alle Röntgenuntersuchungen in den Röntgenpass eintragen lassen! Besonders in der Vorbereitungsphase der OP wird gern und viel geröntgt! Immer in den Röntgenpass eintragen lassen, damit Sie den Überblick behalten!
Könnte die Operation noch um ein paar Jahre verschoben werden? (welche Vor-, Nachteile ergeben sich?) Dabei ist zu beachten, je länger die Operation aufgeschoben wird, desto schwieriger wird die Lockerung zwischen den Wirbeln. Aber auch in höherem Alter ist noch eine Korrektur möglich. Sollte man schmerzfrei sein, dann ist die OP in jedem Fall gut zu bedenken!
Mit welchem Ergebnis ist zu rechnen? (Gradzahl, Körpergröße) Durch die Derotation und Gradkorrektur wird die Wirbelsäule gestreckt, die Gradzahl wird geringer, die Körpergröße nimmt zu.
Welcher Sport kann nach der OP noch gemacht werden? Alles was staucht, z.B. Tennis, Joggen, Reiten, Skifahren ist erst mal zu vermeiden! Außerdem besteht die Gefahr des Stürzens.
Welche Berufsperspektiven gibt es? Auch darauf sollte geachtet werden. Die meisten Operierten sind nicht in der Lage lange zu stehen, oder zu sitzen! Wichtig ist außerdem ein rückengerechter Arbeitsplatz!
Psyche:
Hat das Kind die Skoliose realisiert und akzeptiert? Nur wenn es sich damit auseinandergesetzt hat und die Verantwortung für die Entscheidung übernimmt ist zu einer OP zu raten!
Wie ist es mit der Akzeptanz des Körpers? In letzter Zeit höre ich häufig, dass der Grund für die OP ein kosmetischer ist - damit wäre die OP eine Flucht vor dem eigenen Körper!
Welche Hoffnungen/Erwartungen verbinden sich mit der OP? Dieser Punkt ist ganz wichtig und sollte unbedingt mit dem Arzt, oder auch einem Psychologen besprochen werden, damit nach der OP keine Enttäuschung, oder Wut auf den Arzt, oder den Körper auftauchen.
Allgemein:
Die Skoliose ist nicht vorbei!
Es muss auch nach der OP Krankengymnastik gemacht werden, damit die Wirbel ober- und unterhalb der Spanstrecke über die Muskulatur entlastet werden.
Es ist in jedem Fall auf ein rückenfreundliches Verhalten im Alltag zu achten;
Sexualität (rückenfreundlich!, auf der Seite, oder auf dem Rücken liegend);
Kinder zu bekommen ist in den meisten Fällen möglich, zu überlegen wäre ein Kaiserschnitt, wenn eine sehr große Strecke versteift wurde. Eine PDA kann nicht immer gelegt werden, wenn z.B. die Wirbelzwischenkörper verknöchert wurden.
Risiken:
Es besteht das Risiko einer Sepsis.
Es bestehen Risiken einer Lähmung (Unterhalb der Spanstrecke, in einzelnen Extremitäten)
Es bestehen Risiken einer Desensibilisierung (Taubheitsgefühle in den Armen, Beinen und entlang der Narbe)
Der Körper kann allergisch auf das Metall reagieren.
Das Material (Harringtonstäbe) kann brechen, oder (HZI-Schrauben) aus dem Knochen herausreißen